Opel Insignia Sports Tourer 2.0 Direct Injection

Luxus Flaggschiff als Ultimate Exclusive OPC

Anruf Georg (leicht genervt, drei Versuche blieben unbeantwortet): „Hast Du Dein Handy verloren? Oder bist Du im Urlaub? Ruf doch mal zurück, ich habe einen richtig großen Testwagen für Dich.“Antwort SMS Olaf (schlechtes Gewissen, aber Neugier ist geweckt): „Sorry Georgschi – gerade echt busy. Was ist es denn?“Antwort Georg:„Sag ich nicht. Lass Dich überraschen, ich stelle ihn Dir zu Hause vor die Tür.“

Den Rest des regulären Arbeitsnachmittags frage ich mich, was für ein Wahnsinnsteil es wohl sein könnte. „Groß“! Ich sehe mich die nächste Woche im neuen A8 in die Münchner Innenstadt pendeln oder vielleicht ist es ja auch ein dickes Luxus-SUV? 19:30 Uhr biege ich endlich in meine Straße ein. Im fahlen Licht der Laterne steht das Objekt meiner gedanklichen Begehrlichkeiten. Es ist ... ein Opel Kombi! Aha ... in weiß und auf den ersten Blick irgendwie unspektakulär mit seinen unauffälligen 18 Zoll Winterrädern.

Luxus Reise im langen Opel Flaggschiff
mehr Platz hat fast keiner, das reicht für den Ikea Großeinkauf
ab in den Urlaub
teilweise unübersichtliche Armaturen

Design

Dicke, träge Schneeflocken segeln vom Himmel. Ich umrunde das Fahrzeug, den Perleffekt des Lackes versuche ich tapfer zu übersehen und ja, die Kiste ist echt lang. „Der aktuelle Insignia Sports Tourer“ registriere ich, das zur Zeit größte Modell im Opel Personenwagenprogramm. Ich trete ein paar Schritte zurück, entscheide noch einmal neu auf meine automobile Begleitung für die nächste Woche zu schauen und merke das Umparken in meinem Kopf schaffe ich wie mit Park Pilot: Das Design ist aus jeder Perspektive sehr stimmig, eine Mischung aus eleganten Linien und dynamischen Flächen. Das neue Gesicht der Traditionsmarke ist wirklich überaus gelungen und verzichtet auf peinliche Effekte – da können sich andere Hersteller mal anschauen, was man mit weniger Buhai etwas Spannendes auf die Räder stellen kann. Die kleine Plakette auf der Seite fällt mir erst jetzt auf. Jetzt macht das Herz einen Salto. OPC – das wird doch wohl nicht ...? Der Fahrzeugschein gibt Aufschluss, ich habe ein Date mit der Top-Motorisierung, dem 2-Liter Benziner mit respektablen 260 PS, Achtgangautomatik und Allradantrieb. Das kann doch noch heiter werden, zumindest mit dem Opel, Frau Holle hält von dieser Vorhersage weniger und legt noch einmal einen Zahn zu. Schnell einsteigen. Der Innenraum ist schwarz ausgekleidet und die Sitze sind mit feinem, braunem Leder bezogen. Die Materialien wirken hochwertig und die gelungenen Formen setzen sich auch im Innenraum fort. Die Anzahl der Knöpfe legt nahe, dass ich nicht in einem Kassenmodell sitze. Hier scheint so ziemlich alles verkabelt, was die Marke mit dem Blitz gerade kann und anbietet. Auf den ersten Blick gibt es optisch nichts zu mäkeln, einzig das Display für Navigation und weitere

 Fahrzeugfunktionen in der Mitte des Armaturenbrettes dürfte weniger schräg stehen und sich mehr dem Fahrer zuwenden. Und auch das halbdigitale 8 Zoll Fahrerinfodisplay wirkt etwas halbgar – warum ein Teil der Anzeigen analog ausgeführt ist, weiß wahrscheinlich auch nur ein lustbefreiter Controller zu begründen. Ich gehe durch ein paar Einstellungen, speichere Spiegel- und Sitzposition und freue mich auf den nächsten Morgen. Ich verlasse den Wagen und nach ein, zwei Metern macht die Elektronik genau das, was ich soeben eingestellt hatte. Der Wagen verschließt sich automatisch, doch halt, warum klappen die Außenspiegel nicht mit ein? Das hatte ich doch eingestellt. Zum Wagen zurück. Die Türen öffnen sich nur auf Knopfdruck, nicht bei Annäherung und die Sitze surren und bewegen sich eifrig, allerdings nicht in die Position die ich mit einiger Mühe ausgesucht hatte. Naja, Anfängerfehler denke ich. Aber auch im Personalisierungsmenü werde ich nicht schlauer. Eigentlich alles richtig eingestellt, denke ich

Motor

Kurz vor acht Uhr am nächsten Morgen. Ein paar Minuten früher loszufahren wäre nicht schlecht gewesen, aber vielleicht kann ich ja auf der Autobahn etwas aufholen. Der Motor erwacht mit dem Druck auf den Startknopf, klingt angenehm dezent und lässt die Ruheständler in der Nachbarschaft ungestört weiterschlummern. Die Sitze und Außenspiegel sind wieder irgendwie, erst der Druck auf die fummelige, unbeleuchtete Taste neben dem Sitz ruft meine Einstellungen ab. Der kleine Heckwischer versucht vergeblich den eingeschränkten Blick nach hinten zu optimieren. Das Setup ist auf Komfort und die Fahrt durch den Ort und über die Landstraße zur Autobahn legt der Insignia fast luxuriös gelassen zurück. Das Head-up-Display, das die Informationen ins Sichtfeld projiziert mag ich schon nach der kurzen Strecke nicht mehr missen, ebenso das grandiose vollautomatische LED-Matrix Licht. Beides hat Oberklasse-Niveau. Ich nulle noch den Durchschnittsverbrauch und auf dem Beschleunigungsstreifen drücke ich das Gaspedal das erste Mal etwas fester. Und hey, das perlmuttfarbene Fünfmeterschiff prescht derart nach vorne, dass ich die Höchstgeschwindigkeit von 245 km/h und Beschleunigung von 7,5 s von 0 bis 100 km/h nicht ernsthaft in Frage stelle. Eine Stimme aus der Bose Soundanlage mahnt, es komme eine Baustelle mit Fahrbahnverengung – kenne ich, die ist ungefähr zeitgleich mit dem ersten Spatenstich zum Haupstadtfughafen eingerichtet worden, aber trotzdem ein toller Service des Navis. Danach ist die Autobahn dreispurig ausgebaut. Also hier könnte man doch?! Nichts da, auf der mittleren Spur reiben sich die Gemütlichen bei 120 das letzte Schläfchen aus den Augen und auf der linken Spur reihen sich die Herzinfarktkandidaten zu nah und zu schnell Stoßstange an Stoßstange. Nur die rechte Spur ist weitestgehend frei. Mit einem flüchtigen Gedanken frage ich mich,warum man bei all den aktuellen Diskussionen über die Rettungsgasse nicht auf die Idee gekommen ist, sie einfach dorthin zu verlegen. Die Verkehrszeichenerkennung informiert derweil verlässlich über die erlaubte Geschwindigkeit, der adaptive Geschwindigkeitsassistent hält Abstand, bremst und beschleunigt und der Spurhalteassistent rüttelt mich auf die Spur, wenn ich dem System zu nachlässig steuere oder blinke. In der Stadt scheint das Start-Stopp-System besser als die Münchner Verkehrsplaner vorauszuahnen, wann die Ampeln wieder grün werden, das habe ich selten besser erlebt. Ich zirkel mit Unterstützung der 360 Grad Kamera (verzichtbar, da Bild zu klein und unpräzise) und Parkpiepser (auf keine Fall verzichtbar) auf meinen Platz im Innenhof und registriere mit einem leicht schlechten Gewissen, wieviel Platz der Opel vom kostbaren Parkraum einnimmt und wie viel ungenutzten Raum ich bewegt habe, um hier anzukommen. „Aber fährt doch geil“, gibt die andere Hirnhälfte zu bedenken.

 

Wie fährt er sich?

Wie unterschiedlich die Geschlechter beim Thema Auto oftmals ticken, offenbart sich im Laufe des Tages zweimal. Die erste Kollegin, die trotz einiger finanzieller Heimsuchungen durch ihre Fachwerkstatt (wie konnte die eigentlich Pleite gehen?), italienischen Kleinwagen in Schwarz die ewige, irrationelle Treue geschworen hat, lästert: „Was ist denn das für eine LIMOUSINE?“ Irgendwie hallt der Begriff „Scheußlichkeit“ in meinen Ohren nach. „Riesig, hässlich und so gar nicht zeitgemäß.“ Die Zukunft mag laut neuem Markenclaim allen gehören, aber Sports Tourer und Kollegin werden wohl auch darin in zwei Parallelwelten unterwegs sein. Kollegin Nummer Zwei fragt mich später, ob ich ein neues Auto habe und wirkt sichtbar erleichtert, dass es nur ein Testwagen ist und ihr Creative Director wohl doch nicht einer plötzlichen Erblindung anheim gefallen ist. Auf dem Heimweg, während ich durch die Stadt Richtung Heimat cruise, fallen mir die interessierten Blicke von anderen Autofahrern auf, ausschließlich Männern. Sie erkennen die Insignien eines teuren und schnellen Kombis und finden meinen Untersatz scheinbar gar nicht peinlich. Gut so, muss ja nicht jeder eines der Plattformdevirate fahren, die sich mehr und mehr nur noch das Markenemblem unterscheiden.

Um die Zeit ist die Autobahn recht leer, ich schalte das Set-up auf Sport und die Fahrbahn, die eben noch vollkommen intakt schien, schlägt plötzlich durch wie ein altrömischer Pflasterweg. Die harte Abstimmung muss man mögen, ist mir aber eindeutig zu unkomfortabel. Aber ich bin nicht zum Spaß hier, jemand der sich für dieses Modell interessiert möchte ja auch wissen, welchen Auftritt der OPC auf der Autobahn hinlegt. Ich drücke aufs Gas, der Insignia wird immer schneller, ein A6 vor mir will nicht glauben, dass der Opel (?!) noch weitere Reserven hat. Er versucht vegeblich Distanz zu schaffen und wechselt dann plötzlich wie uninteressiert auf die mittlere der beiden rechten freien Spuren. Bei Tacho 250 verlassen mich Lust und Nerven – und auch das Super aus dem Tank eimerweise. 14,5 Liter im Durchschnitt zeigt jetzt der Bordcomputer, sicher nicht repräsentabel, aber der hochgezüchtete Turbomotor verschenkt seine Leistung nicht. Das adaptive Fahrwerk fühlt sich selbst bei schneller Fahrt sehr verbindlich an, einzig bei wirklich hohem Tempo fehlte mir ein wenig Gelassenheit. Beim Abbiegen auf die Landstraße gebe ich noch einmal mehr Gas als nötig. Der Grip ist wirklich beachtlich, ohne Quietschen und ohne Nervosität schwingt der Insignia behende seinen dicken Hintern um die Kurve, dem aufwändigen Allradantrieb mit Torque Vectoring sei Dank. Ich parke wieder unter der Laterne, der Motor knistert noch ein wenig von der Hitze und ich frage mich, wie groß die Zielgruppe für den OPC ist und welche Zukunft er unter der neuen Herrschaft von PSA wohl haben wird. Sport gehört nicht wirklich auf die öffentliche Straße und ich beschließe, den Rest der Testwoche gemütlich zu fahren und die luxuriöse Seite zu genießen.

Fazit

Ich gebe zu, ich verliebe mich schnell. Ich denke oft an mein erstes Auto zurück, einen asthmatischen 6-Volt Käfer. In regnerischen, nächtlichen Rückfahrten von der Großraumdisko rangen Licht und Scheibenwischer um den wenigen Strom, teilten ihn sich brüderlich und ließen mich fast im Blindflug und wie durch ein Wunder unversehrt ankommen. Mit dieser Erinnerung im Kopf stelle ich fest, dass es heute eigentlich gar keine schlechten Autos mehr gibt. Wenn dann ein Fahrzeug seine Sache so gut macht wie der Opel, fällt mir die Trennung oftmals schwer. Doch richtige Wehmut mag diesmal nicht aufkommen. Ich brauche weder die ausladenden Dimensionen noch die Power, die der OPC bietet. Ähnlich geräumige Fahrzeuge gibt es auch in kürzer und in dem einen Punkt hat Kollegin 1 recht, so richtig zeitgemäß fühlen sich Motorisierung und Verbrauch nicht an. Der Benziner ist wirklich ein Sahnemotor, aber er verlangt eine hohe Leidensfähigkeit beim Tanken oder ein sehr gefestigtes Gemüt beim Fahren. Ein moderner Diesel mit allem Abgasreinigungs-Pipapo scheint mir die effizientere und umweltfreundlichere Wahl – und den hat Opel ja auch im Programm. Die Bedienung dürfte noch etwas intuitiver werden und die Grafiken etwas schicker. Ansonsten ist der Opel auf der Höhe der Zeit und bietet viele Ausstattungsmerkmale der Oberklasse. Mit reiner Vernunft kann man für den OPC nicht argumentieren, der Testwagenpreis von rund 55.000 Euro ist kein Pappenstiel. Wenn man aber zum Spaß einen vergleichbaren Bayern oder Schwaben konfiguriert, relativiert sich der Wahnsinn. Mit deren Aufpreisen kann man viele viele Male entspannt den 62 Liter Tank Füllen und Leeren. Und für alle, die genau diesen Spaß und diese Unvernunft suchen ist der OPC ist eine ganz klare Empfehlung. Nur bitte nicht in Abalone Weiß.

Foto: Opel

Überblick

Technische Daten
Motor 4-Zylinder Benziner
Leistung 191 kW / 260 PS
Drehmoment 400 Nm bei 2.500 - 4.000 U/min
Getriebe 8-Gang Automatik
L/B/H 4,99/1,86/1,56 Meter
Beschleunigung 7,5 Sek. 0 - 100 km/h
Höchstge-schwindigkeit 245 km/h
Kofferraum 560 - 1.665 Liter
Max. Anhängelast 2.200 kg
Verbrauch
Verbrauch (getestet) meist über 10 Liter
Preis
Preis Basismodell xx €
Preis Testwagen xx €
Testbericht von:

Zimmermann, Olaf

Im Team seit: 2017