VW Arteon 2.0 TDI SCR 4Motion

Attraktives Flaggschiff

Ich rolle auf die rote Ampel zu, das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe sortiert die Gänge sauber herunter und der Motor schaltet sich noch bevor der Wagen steht aus. Dann nehme ich in der Stille aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr, an die sich ein VW-Fahrer außerhalb des GTI-Treffens am Wörthersee wohl erst noch gewöhnen muss: Der BMW-Fahrer neben mir reckt den Daumen nach oben und lässt sichtlich bewundernd den Blick über den Testwagen streifen. Würde ich jetzt auf das Gaspedal drücken, könnte er auch feststellen, dass VW nicht nur ein auffallend schönes, sondern auch ein unaufgeregt schnelles Top-Modell aus dem Hut, oder besser: aus dem Passat, gezaubert hat. Willkommen im Arteon, der die Lücke schließen soll, die der etwas unentschiedene CC und der Luxus-Methusalem Phaeton hinterlassen haben.

ein Design der Extraklasse - unverwechselbar
hübsches Detail am Armaturenbrett - leider nicht analog
der Biturbo Diesel mit 240 PS ist ein echtes Sahneteil
aus dem Blickwinkel Extravaganz

Design

Selten hat man erlebt, dass von einem Showcar soviel Design in die Serie gerettet wurde wie beim Arteon. Auf dem Genferautosalon 2015 noch als Sport Coupé Concept GTE vorgestellt, hat VW der seit Juni 2017 erhältlichen Serienversion, nun als Arteon bezeichnet, die wohl expressivste Ausbildung des aktuellen Markengesichts ins Blech gepresst. Und ja, das Ergebnis ist spektakulär und überzeugend. Wo die leisen Töne des VW-Designs mit der Betonung der horizontalen Linien und scharfen Falze in sonst klaren Formen bei manchen Modell als wenig emotional empfunden werden, haben die Designer beim Arteon an den richtigen Stellen Schwung in die Linie der Vernunft gebracht. Die Front besteht fast nur aus Kühlergrill, durch den akzentuierten Einsatz von Chrom und schönen Details wie den serienmäßigen LED-Scheinwerfern mit integrierten, dynamischen Blinkern (genau, das sind die scharfen Dinger, um die wir schon die Audi-Fahrer beneiden, wenn sie uns fließend die Fahrtrichtung anzeigen) bekommt der Arteon einen eigenständigen, dynamischen Auftritt. Die optische Fortführung der Linien vom Grill über die Leuchten in die aerodynamische Karosserie hinein ist großes Kino. Die Rückleuchten, ebenfalls in LED-Technik, sind schmal und recht hoch ins selbstbewusste Heck gesetzt. Das Pyrit Silbermetallic des Testwagens ist vielleicht nicht die aufregendste Farbe in dem Heer der in Grautönen changierenden Geschäftsfahrzeugflotte Deutschlands, trotzdem steht sie dem Wagen gut, vor allem wenn er wie hier auf den fetten 20 Zoll Rädern steht. Insgesamt wirkt das Modell mit den rahmenlosen Fenstern und seiner langen, flachen und breiten Silhouette sehr stimmig. Und weil VW VW ist, kommen trotz tiefen Griffs in die Designtrickkiste die praktischen Talente nicht zu kurz: Eine große Heckklappe, die sich mit der Keyless-Go-Option per Fußschwenk öffnet (man glaubt gar nicht, wie oft das hilft), legt einen enormen Kofferraum frei, der annähernd Kombitalente bietet, wenn die Rücksitze umgeklappt werden – wäre da nur nicht das flach auslaufende Heck im Weg. Auch der Innenraum zeigt sich liebevoll gemacht. Vielleicht ist es nicht die Sinne umnebelnde, prassende Luxusklasse, aber in der vorgefahrenen Ausstattung schon deutlich mehr als man mit der reinen Vernunft in einem Auto braucht. Die optionalen Nappaledersitze in der Elegance Ausstattunglinie sind für meinen Geschmack zu flach konturiert, hier lohnt sich der Blick zu sportlicheren R-Line, und auch das Valenciabraun wäre nicht mein Favorit. Der Fußraum hinten ist wahrlich fürstlich und auch auf dem Fahrersitz findet man dank vieler Einstellmöglichkeiten einen perfekten Platz. Freude macht das geniale Active Info Display, das nach Belieben konfiguriert werden kann und die Fahrzeugdaten auf einem Display darstellt. Hier alles auszuprobieren überlässt man besser der Generation Digital Native und konzentriert sich lieber auf das Fahren.

Motor

Quer unter der Haube arbeitet ein 240 PS Biturbo Diesel, und ja, er erfüllt die Euro 6 Norm und säubert seine Abgase wie es längst Standard sein sollte mit SRC-Kat und AddBlue. Unter uns Dieselfreunden: Der 2 Liter Motor ist eine Granate, der das komfortable Cruisen ebenso überzeugend beherrscht wie den Ritt auf der Kanonenkugel. Bei dem Blick auf den relativ geringen Testverbrauch (je nach Fahrweise zwischen 6 und 9 Liter) möchte man ins belederte Lenkrad beißen, weil ein so effizientes und alltagstaugliches Antriebskonzept so an die Wand gefahren wurde. Neben dem stärksten Diesel gibt es noch zwei weitere mit 190 und 150 PS, bei den Benzinern sind zur Zeit zwei Modelle mit 190 und 280 PS im Angebot. Die beiden stärksten Motoren sind immer mit Allradantrieb gekoppelt, die – wenn man es darauf anlegt – kein Problem hat im Schulterschluss mit dem blitzschnell schaltenden DKG den großen Wagen in 6,5 (Diesel) und 5,6 Sekunden (Benziner) auf Hundert zu befördern. Laut Tacho sind mit dem Testwagen über 250 km/h drin. Braucht man eher selten, kann aber auf einer leeren Autobahn durchaus mal Spaß machen. Vor allem, weil der Arteon dabei unbeirrbar auf dem Asphalt klebt und ein sicheres Fahrgefühl vermittelt. Ich möchte lobend erwähnen, dass VW selbst im Sport-Setup auf jegliche Form von Brunftgeräuschen aus dem Auspuff verzichtet. Der Motor bleibt stets leise im Hintergrund, nur eine kurze Zeit nach dem Kaltstart vernimmt man das Kraftpaket etwas präsenter.

Wie fährt er sich?

Unser Testwagen ist ausgestattet, mit allem was die Wolfsburger Ingenieure im Moment in Serie bringen können, fast so, als wollten sie die Anerkennung nicht allein dem Designteam überlassen. Das große Navi kann online, koppeln, versteht Sprachbefehle, Wischgesten und noch vieles mehr. Der serienmäßige aktive Spurhalteassistent und die optionale automatische Distanzregelung lässt den Wagen für kurze Zeit autonom fahren, bremst auf Wunsch automatisch auf ein erkanntes Tempolimit hinunter und nutzt die Daten vom Navigationssystem, um Kurvengeschwindigkeiten anzupassen. Greift man nicht wieder rechtzeitig zum Lenkrad und ignoriert alle Warnungen, sorgt sich das System soweit um den Gesundheitszustand des Fahrers, dass es den Wagen an den rechten Fahrbahnrand bugsiert und die Warnblinkanlage einschaltet. Das LED-Licht ist so intelligent ausgelegt, dass es sich zuverlässig selbständig regelt, also neben der Einschaltautomatik auch das Fernlicht auf-, ab- und Gegenverkehr ausblendet und sogar GPS-Daten nutzt, um Kurven vorausschauend auszuleuchten. Die Fahrt über dunkle Landstraßen wird dadurch deutlich angenehmer und sicherer. Das adaptive Fahrwerk lässt sich zwischen Komfort und Sport spreizen oder individuell konfigurieren. Hinzu kommen noch Front Assist, Park Assist, Stauassistent, 360-Grad Kamera und und und – also alles, was das technikgetriebene Autofahrerherz von einem aktuellen Fahrzeug begehren könnte. Aber auch wenn man sich nicht in den ganzen Menüs verlieren will, gefällt der Arteon als durchdachtes und aufgeräumtes Auto. Der Blick nach vorne wird nicht durch breite Dachsäulen verdeckt, auch zur Seite bleibt es recht übersichtlich, einzig der Blick durch die Heckscheibe verlangt einen gewissen Entdeckergeist. Piepser, Kamera und Notbremsassistent helfen, ungewünschten Kontakt mit der Außenwelt zu vermeiden. Enge Parkhäuser und schmale Gässchen sind ebenfalls nicht der ideale Lebensraum für den großen Wagen. Hier merkt man, dass die Dimensionen dem leichten und handlichen Fahreindruck physikalische Grenzen setzen.

Fazit

Der Arteon sieht wunderschön aus, fährt sich mit dem getesteten Motor wirklich hervorragend und lässt mit seiner Ausstattung kaum Wünsche offen. Ein wenig mehr Oppulenz und Emotion im Innenraumdesign hätte nicht geschadet, gerade weil das Äußere so viel verspricht. Der Listenpreis fängt beim Diesel Topmodell bei rund 52.000 Euro an und lässt sich im Konfigurator noch ordentlich nach oben klicken. Dafür bekommt man aber ein Fahrzeug, dass mit der starken Oberklassekonkurrenz mithält und sie von der gestalterischen Form sogar haushoch schlägt, wenn man die Designqualität und den Mut für die konsequente und expressive Formensprache, die sich nicht im Modischen verliert, zu Grunde legt. Der Arteon bringt auf den Punkt, was deutsche Autos und auch Volkswagen so erfolgreich gemacht hat. Aber leider auch das, was die Hersteller jetzt schnellstens nachlegen müssen: Einen alternativen Antrieb für den Arteon sucht man noch vergebens. Aber lassen Sie mal Ihrer Fantasie freien Lauf und stellen sich die, entschuldigen Sie meinen Ausdruck, geile Form mit einem Elektroantrieb vor (und zusätzlich ausreichend Ladesäulen …). Elon Musk würde schlechter schlafen ...

Text: Olaf Zimmermann

Foto: H.G.Fischer

Überblick

Technische Daten
Motor 4-Zylinder Diesel
Leistung 176 kW / 240 PS
Drehmoment 500 Nm
Getriebe 7-Gang DSG-Getriebe 4Motion
L/B/H 4,86/2,12 ( inkl. Spiegel)/1,45 Meter
Beschleunigung 6,5 Sek. 0 - 100 km/h
Höchstge-schwindigkeit 245 km/h
Verbrauch
Tankinhalt 66 Liter
Verbrauch (getestet) 6 bis 9 Liter
Verbrauch (lt. Hersteller) 5,9 Liter
Preis
Preis Basismodell 52,175 Euro €
Preis Testwagen xx €
Testbericht von:

Hans-Georg, Fischer

Im Team seit: 2014